Die Notlüge hat keinen besonders guten Ruf. Wer nicht die Wahrheit sagt, gilt schnell als unehrlich. Doch gerade bei chronischer Unordnung lohnt sich ein zweiter Blick. Denn manchmal zeigt eine Notlüge nicht nur, dass jemand etwas verbergen möchte. Sie kann auch ein Hinweis darauf sein, dass ein Veränderungsprozess bereits begonnen hat.
In meiner Arbeit als Aufräum-Coach erlebe ich solche Situationen immer wieder. Menschen erzählen mir etwas und ich merke, dass die Geschichte vermutlich nicht ganz stimmt. In vielen Fällen spreche ich das nicht an. Nicht, weil mir Ehrlichkeit unwichtig wäre, sondern weil mich etwas anderes viel mehr interessiert: Warum braucht dieser Mensch gerade diese Erklärung?

Die Notlüge schützt vor einem unangenehmen Gefühl
Chronische Unordnung ist häufig mit Scham verbunden. Viele Betroffene wissen sehr genau, was andere von ihnen erwarten und was sie selbst gerne anders machen würden. Trotzdem gelingt Veränderung nicht einfach deshalb, weil man ein Problem erkannt hat.
Manchmal entsteht dadurch eine unangenehme Lücke zwischen dem eigenen Anspruch und dem tatsächlichen Verhalten. Eine kleine Unwahrheit kann helfen, diese Spannung für einen Moment auszuhalten.
Eine Klientin zeigt mir beispielsweise einen Gegenstand und erzählt, sie habe ihn endlich wiedergefunden. Ich bin mir ziemlich sicher, diesen Gegenstand noch nie in ihrer Wohnung gesehen zu haben. Vielleicht wurde er neu gekauft, weil das vorhandene Exemplar nicht auffindbar war.
Ich könnte nachfragen. Ich könnte auch sagen, dass ich ihre Erklärung nicht glaube. Doch damit wäre zunächst nur eines erreicht: Sie wüsste, dass ich ihre Notlüge bemerkt habe.

Wer sich rechtfertigt, hat bereits etwas wahrgenommen
Interessanter finde ich die Frage, warum überhaupt eine Erklärung notwendig geworden ist.
Wäre es der Person vollkommen gleichgültig, dass sie etwas erneut gekauft hat, müsste sie die Geschichte vom Wiederfinden nicht erzählen. Offenbar gibt es bereits eine Wahrnehmung dafür, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie sie es sich vorgenommen hatte.
Das ist noch keine Veränderung. Es ist auch keine Garantie dafür, dass beim nächsten Mal etwas anders läuft. Aber möglicherweise ist es ein kleiner Schritt der Selbsterkenntnis. Die eigene Handlung wird nicht mehr völlig selbstverständlich hingenommen.

Manchmal braucht Erkenntnis einen Umweg
Ein anderes Beispiel könnte eine Vereinbarung betreffen. Wir haben gemeinsam entschieden, einen bestimmten Bereich bis zum nächsten Termin frei zu halten. Beim nächsten Besuch ist er wieder vollgestellt. Die Erklärung folgt sofort: Das sei nur vorübergehend, weil gerade etwas anderes erledigt werden müsse.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht.
Entscheidender ist für mich zunächst, dass die Abweichung überhaupt erklärt wird. Die Person hat wahrgenommen, dass sie etwas anders machen wollte. Noch ist es möglicherweise zu unangenehm zu sagen: «Ich habe es nicht geschafft.» Also entsteht eine Geschichte, die das eigene Verhalten etwas erträglicher macht. Auch das kann Teil eines Veränderungsprozesses sein.

Nicht jede Unwahrheit muss entlarvt werden
Natürlich bedeutet das nicht, dass Lügen grundsätzlich hilfreich sind oder ignoriert werden sollten. Sobald andere Menschen betroffen sind, finanzielle oder gesundheitliche Folgen entstehen oder eine Zusammenarbeit auf falschen Tatsachen beruht, braucht es Klarheit.
Bei kleinen Notlügen im Alltag stelle ich mir jedoch eine andere Frage: Was würde es bewirken, wenn ich den Menschen jetzt entlarve?
Scham führt selten dazu, dass Veränderung leichter wird. Wer sich ertappt und blossgestellt fühlt, wird möglicherweise vorsichtiger mit dem, was er beim nächsten Mal erzählt. Damit ist noch nichts gewonnen. Manchmal ist es hilfreicher, die Erklärung stehenzulassen und darauf zu vertrauen, dass die Person selbst weiterdenken kann.

Zwischen Verdrängen und Eingestehen
Vielleicht liegt genau dort der interessante Punkt einer Notlüge. Ein Mensch ist noch nicht bereit zu sagen: «Ja, das ist wieder passiert.» Gleichzeitig scheint er es aber auch nicht mehr vollständig übersehen zu können.
Die Notlüge befindet sich irgendwo dazwischen.
Sie kann einen kurzen Schutz vor Scham bieten und gleichzeitig zeigen, dass die eigene Wahrnehmung bereits in Bewegung gekommen ist. Was heute noch beschönigt werden muss, kann vielleicht irgendwann ausgesprochen werden. Veränderung beginnt nicht immer mit einem grossen Eingeständnis. Ab und zu beginnt sie sehr viel unscheinbarer. Und manchmal erzählt sie zunächst nicht ganz die Wahrheit.

Veränderung braucht einen sicheren Rahmen
Wer Menschen mit chronischer Unordnung begleitet, muss deshalb nicht jede Ungereimtheit aufdecken. Viel wichtiger ist ein Rahmen, in dem es irgendwann möglich wird, ohne Rechtfertigung zu sagen: «Es hat nicht funktioniert.»
Genau dort kann die eigentliche Arbeit beginnen. Nicht bei der Frage, ob jemand bei einer kleinen Geschichte ertappt wurde, sondern bei der Frage, was dieser Mensch braucht, damit er beim nächsten Mal keine Geschichte mehr braucht. Auch für Helfende kann es eine Herausforderung sein, solche Prozesse auszuhalten, ohne sofort einzugreifen oder zu korrigieren.
Warum es manchmal hilfreicher ist, die eigenen Vorstellungen von Fortschritt zurückzustellen, beschreibe ich im Beitrag Helfer-Ego loslassen

