Vor Kurzem war ich bei einer Klientin, für die es sehr schwierig ist, Erinnerungsstücke loszulassen. Ihr Keller war bereits sehr voll, als weitere Kisten und Taschen angekündigt wurden. Sie stammten aus einem Familiennachlass und enthielten Gegenstände ihrer längst verstorbenen Mutter und Grossmutter.
Bevor wir die Sachen überhaupt unterbringen konnten, musste ich erst einmal Platz schaffen. Fast eine halbe Stunde lang schichtete ich vorhandene Dinge um, damit die neuen Kisten irgendwo stehen konnten. Beim Auspacken wurde schnell deutlich, dass wir es hier nicht einfach mit weiteren Gegenständen zu tun hatten. Manche Stücke lösten Tränen aus, andere Freude. Erinnerungen kamen zurück, Geschichten wurden erzählt. Ein Gegenstand nach dem anderen stellte eine Verbindung zu Menschen her, die schon lange nicht mehr da waren.
Genau deshalb ist es so schwierig, Erinnerungsstücke loszulassen.

Ein Nachlass besteht nicht nur aus Dingen
Wer einen Nachlass übernimmt, bekommt nicht einfach Geschirr, Kleidung, Fotos, Bücher oder Dekoration. Mit diesen Gegenständen können sehr konkrete Erinnerungen verbunden sein.
Eine alte Schüssel ist dann nicht einfach eine alte Schüssel. Vielleicht stand sie früher jeden Sonntag auf dem Tisch. Ein unscheinbarer Haushaltsgegenstand kann an eine Situation erinnern, die seit Jahrzehnten vergessen schien.
Von aussen ist diese Bedeutung nicht sichtbar. Deshalb helfen rationale Fragen wie „Brauchst du das noch?“ oder „Wann hast du das zuletzt benutzt?“ bei Erinnerungsstücken oft nur begrenzt weiter.
Es geht nicht um den Gebrauchswert. Es geht um die Verbindung.

Wenn aus Erinnerungen eine Verantwortung wird
Bei geerbten Gegenständen kommt häufig noch etwas hinzu. Sie haben einem Menschen gehört, der nicht mehr lebt. Dadurch kann sich das Weggeben anders anfühlen als bei Dingen aus dem eigenen Besitz. Manchmal entsteht das Gefühl, für diese Gegenstände verantwortlich zu sein. Wenn Mutter oder Grossmutter etwas jahrzehntelang aufbewahrt haben, erscheint es plötzlich falsch, selbst zu entscheiden, dass es gehen darf.
Gerade im Messie-Spektrum kann das Loslassen dadurch noch schwieriger werden. Aus einem Gegenstand wird ein Stück Familiengeschichte und wer ihn weggibt, hat möglicherweise das Gefühl, auch etwas von dieser Geschichte aufzugeben.

Aber wohin mit all diesen Erinnerungen?
In meiner Arbeit sehe ich immer wieder Wohnungen, in denen geerbte Gegenstände keinen wirklichen Platz gefunden haben. Sie stehen in Kartons im Wohnzimmer, stapeln sich in einem bereits vollen Keller oder werden dort untergebracht, wo gerade noch eine Lücke vorhanden ist.
Schwierig wird es, wenn zu einem ohnehin grossen Bestand immer weitere Dinge hinzukommen und gleichzeitig kaum etwas die Wohnung verlässt. Irgendwann gibt es keinen freien Schrank mehr, kein leeres Regal und auch im Keller keinen Platz.
Dann beginnt das Verschieben. Eine Kiste muss weg, damit eine andere dort stehen kann. Wichtige Dinge verschwinden hinter anderen Dingen und Räume verlieren nach und nach ihre ursprüngliche Funktion.
So können ausgerechnet wertvolle Erinnerungsstücke Teil einer Belastung werden.

Wie viel Platz darf die Vergangenheit bekommen?
Erinnerungen sind oft eng mit Gegenständen verbunden. Dinge können Vergangenheit greifbar machen. Trotzdem kann kein Mensch alles aufbewahren, was einmal jemandem gehört hat oder mit einer Erinnerung verbunden ist. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht unbedingt: Was muss weg?
Interessanter kann die Frage sein: Welche Erinnerungsstücke sollen in meinem heutigen Leben einen Platz bekommen?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Für den einen sind fünf Gegenstände richtig, für einen anderen fünfzig. Auch ein Gegenstand, der von aussen völlig wertlos erscheint, kann eine grosse persönliche Bedeutung haben. Problematisch wird es erst, wenn die Vergangenheit immer mehr Raum in der Gegenwart beansprucht. Die eigene Wohnung soll schliesslich auch dem Menschen dienen, der heute darin lebt.
Manchmal kann es helfen, einige Erinnerungsstücke bewusst auszuwählen und ihnen einen guten Platz zu geben. Andere lassen sich vielleicht fotografieren, innerhalb der Familie weitergeben oder zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anschauen. Nicht alles muss sofort entschieden werden.

Erinnerungen brauchen Platz
Bei meiner Klientin waren die neuen Kisten zunächst einfach da. Für endgültige Entscheidungen war dieser Moment gar nicht geeignet. Zu viele Gefühle waren mit dem Auspacken verbunden. Auch das gehört für mich zu einem respektvollen Umgang mit Erinnerungsstücken. Nicht jede Entscheidung muss sofort fallen.
Langfristig bleibt allerdings die Frage bestehen, was mit all diesen Dingen geschehen soll. Denn immer neue Kisten irgendwo dazwischenzuschieben, löst das eigentliche Problem nicht. Erinnerungen dürfen bleiben. Gegenstände dürfen wichtig sein, aber gleichzeitig braucht auch das heutige Leben Raum.
Möglicherweise besteht die eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, Erinnerungen loszulassen. Sondern darin, ihnen einen Platz zu geben, der nicht irgendwann alles andere verdrängt.
Fällt es dir schwer, Erinnerungsstücke loszulassen?
Ich unterstütze dich dabei, zu entscheiden, was bleiben darf und wovon du dich trennen kannst.

