Wie Angst im Messiespektrum zu Horten und Unordnung führt: „Ich schäme mich ja dafür … aber ich kann gerade nicht anders.“ So oder so ähnlich höre ich es oft in Erstgesprächen mit Menschen im Messie-Spektrum. Ihre Wohnung ist überfüllt. Ihr Kopf ist überlastet. Ihr Herz ist schwer. Und dazu kommt die Welt mit all ihren Katastrophen, Krisen und Schlagzeilen.
Was viele nicht sehen:
Diese Menschen sind nicht einfach „unordentlich“.
Sie sind oft hochsensibel, neurodivergent und tief verunsichert.
Sie nehmen Dinge intensiver wahr. Und sie fühlen sich verantwortlich. Für viel mehr, als sie tragen können.
Medien verstärken die Überforderung
In den Nachrichten jagt eine Krise die nächste.
Klimawandel. Krieg. Inflation. Artensterben. Wohnungsnot.
Alles ist wichtig. Alles ist schlimm undkommt gleichzeitig.
Und für viele Betroffene fühlt sich das an wie eine ständige Bedrohung ohne Pause.
In sozialen Medien gibt es keinen Filter.
Was andere wegscrollen, bleibt bei ihnen hängen.
Bilder brennen sich ein.
Worte wie „Kollaps“, „Zerstörung“, „Panik“ wirken wie Alarmsignale im Nervensystem.
Beispiel 1: „Ich will die Umwelt schützen“
Eine meiner Klientinnen weinte, als sie mir ihre Küche zeigte.
Überall lagen leere Verpackungen, Glasflaschen, Stoffreste, alte Plastikteile.
Nichts davon war eigentlich noch brauchbar. Aber für sie waren es keine Abfälle.
Es waren kleine Entscheidungen mit großer Bedeutung.
Sie sagte:
„Wenn ich das wegwerfe, ist es dann Müll? Oder eine Ressource? Was, wenn ich jemanden finde, der das noch brauchen kann? Wenn ich es falsch entsorge, sterben dann Fische im Meer? Ich will doch nicht schuld sein an der Zerstörung dieser Welt.“
Sie sprach das mit ernstem Blick. Kein bisschen übertrieben.
Für sie war es real. Die Angst, etwas falsch zu machen. Angst, nicht genug für die Umwelt zu tun.
Die Angst, durch Wegwerfen Teil des Problems zu sein.
Und so blieb aus Rücksicht alles liegen. Aus Schuldgefühl. Aus Angst, zu schaden.
Wie kann man helfen?
- Zuerst zuhören – wirklich zuhören.
- Gefühle würdigen: „Du meinst es gut. Das sehe ich.“
- Gemeinsame Wege finden, z.B. eine kleine Auswahl behalten, den Rest achtsam loslassen.
- Recycling realistisch erklären: Was passiert mit Dingen, wenn sie gehen dürfen?

Beispiel 2: „Ich habe Angst vor Krieg“
Bei einem Hausbesuch führte mich eine Frau durch ihre Wohnung.
Der Flur war kaum begehbar. Kisten und Tüten voller Lebensmittel versperrten den Weg.
Nichts war verdorben. Alles war ordentlich gestapelt. Aber es war zu viel. Viel zu viel.
Sie sagte leise:
„Ich weiß, wie es aussieht. Aber ich brauche das. Ich will vorbereitet sein.
Was, wenn Krieg ausbricht? Wenn nichts mehr zu kaufen ist? Ich habe keine Möbel, um das alles zu verstauen. Aber ich kann es doch auch nicht einfach weggeben. Was, wenn mir jemand das alles wegnimmt? Dann kann ich nicht überleben.“ Ihre Stimme blieb ruhig.
Aber ich sah die Angst in ihren Augen.
Die Vorräte waren ihre Festung. Ihre Verteidigung gegen das Gefühl von Hilflosigkeit.
Jede Dose ein Stück Sicherheit. Jedes Paket Nudeln ein Tropfen Kontrolle. Sie hatte keine Wahl.
Loslassen hätte sich angefühlt wie: Ich bin wehrlos. Ich bin ausgesetzt. Ich bin in Gefahr.
Wie kann man helfen?
- Die Angst ernst nehmen – nicht kleinreden.
- Schritt für Schritt mit ihr durchgehen: Was wird wirklich gebraucht?
- Stabilität aufbauen, z.B. durch Vorratsregale oder Struktur im Alltag.
- Sicherheit nicht nur im Außen, sondern auch im Inneren stärken, z.B. durch Gespräche, Atemübungen, Rituale.
Warum wirken Krisen bei neurodivergenten Menschen so stark?
Psychologischer Hintergrund
Viele Menschen im Messie-Spektrum sind neurodivergent, zum Beispiel durch ADHS, Autismus oder Hochsensibilität. Ihr Nervensystem ist empfindsamer. Eindrücke, Informationen, Emotionen kommen ungefiltert an. Es fehlt oft die innere „Schranke“, um zu sagen: Das betrifft mich jetzt nicht direkt.
Sie nehmen äußere Krisen persönlich. Nicht aus Ego, sondern aus Mitgefühl. Sie wollen retten. Helfen. Vorbereitet sein. Und geraten dabei selbst immer mehr unter Druck.
Viele haben in ihrer Vergangenheit erlebt, dass plötzlich alles kippen kann.
Verlust. Trauma. Kontrollverlust. Deshalb wollen sie heute vorsorgen – um jeden Preis.
Auch, wenn der Preis die eigene Lebensqualität ist.

Was hilft wirklich?
- Verständnis statt Bewertung
Niemand wählt die Unordnung freiwillig. Es hat immer einen Sinn, selbst wenn er unlogisch erscheint. - Sanfte Struktur
Ein kleiner Plan, eine klare Ecke, ein sichtbarer Fortschritt gibt Halt. - Achtsames Loslassen
Nicht alles muss sofort weg. Aber manches darf. Mit Mitgefühl. Und ohne Druck. - Gemeinsames Tragen
Wer sich begleitet fühlt, kann sich eher öffnen. Und Stück für Stück entlasten – seelisch und räumlich.
Hinter den Dingen liegt die Angst
Menschen im Messie-Spektrum horten oft keine Gegenstände, sie halten fest an Sicherheit.
An Kontrolle. An einem Gefühl von „Ich bin vorbereitet“.
Die Welt ist laut. Und sie fühlen sich verantwortlich. Für alles.
Doch niemand muss allein tragen, was eigentlich zu schwer ist.
Veränderung beginnt nicht mit dem Müllsack, sondern mit einem verständnisvollen Blick.
Und mit dem Satz: „Ich sehe dich. Und ich helfe dir, das auszuhalten.“
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