Unordnung als Machtmittel in der Familie

Unordnung als Machtmittel ist ein Aspekt, über den selten gesprochen wird. Unordnung gilt meist als Zeichen von Überforderung oder innerer Not. Doch in manchen Familien erfüllt sie eine andere Funktion. Sie hilft dabei, Kontrolle zu bewahren. Nicht offen. Nicht bewusst. Aber spürbar im Alltag. Wenn nur eine Person weiss, wo wichtige Dinge sind, entsteht Abhängigkeit. Und damit verschiebt sich Macht innerhalb der Familie.

Stell dir eine Frau vor, die mit ihrer Familie lebt. Die Wohnung ist voll. Dinge stehen, liegen, stapeln sich. Für andere wirkt es chaotisch. Für sie nicht. Sie weiss, wo alles ist. Die wichtigen Unterlagen. Die Fotos. Die Batterien. Der Vertrag, den man gerade braucht.

Wenn jemand etwas sucht, fragt man sie. Und genau darin liegt etwas, das oft übersehen wird.

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Kontrolle dort, wo sonst wenig bleibt

Diese Frau erlebt sich selbst vielleicht als jemand mit Defiziten. Sie fühlt sich überfordert, nicht ausreichend, kritisiert, innerlich klein. Im Alltag hat sie oft das Gefühl, nicht richtig mitzuhalten. Nicht genug zu schaffen. Nicht zu entsprechen. Im Chaos dagegen ist sie sicher. Dort kennt sie sich aus und hat den Überblick. Dort ist sie diejenige, die gebraucht wird.

Unordnung wird so zu einem Raum, in dem sich Macht verschiebt. Nicht im klassischen Sinn von Dominanz, sondern als stille Form von Kontrolle. Solange niemand sonst Ordnung hineinbringt, bleibt dieses Wissen exklusiv. Ordnung würde bedeuten, dass andere selbstständig werden. Dass Fragen wegfallen. Dass sie nicht mehr die Einzige ist, die den Zugang hat. Und das kann sich bedrohlich anfühlen.

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Was hinter diesem Verhalten stecken kann

Solche Dynamiken entstehen selten aus böser Absicht. Häufig haben sie tiefe Wurzeln.

Manche Menschen haben früh gelernt, dass sie wenig Einfluss hatten. Entscheidungen wurden über sie hinweg getroffen. Bedürfnisse nicht ernst genommen. Aus dieser Erfahrung wächst oft ein starkes Bedürfnis, wenigstens irgendwo Kontrolle zu haben.

Unordnung bietet genau das. Sie ist schwer angreifbar. Kaum jemand durchschaut sie. Kritik prallt ab, weil es kein klares System gibt, das man infrage stellen könnte.

Dazu kommt die Angst, austauschbar zu sein. Wenn alles geordnet wäre, könnte es auch jemand anderes tun. Unordnung sichert eine Form von Unersetzbarkeit.

Auch Scham spielt häufig eine Rolle. Wer sich innerlich minderwertig fühlt, schützt sich davor, weiter bewertet zu werden. Chaos macht Vergleich unmöglich. Es entzieht sich äusseren Massstäben.

Nicht zuletzt entsteht durch diese Abhängigkeit auch Bindung. Die Familie braucht sie. Fragt sie. Wendet sich an sie. Das fühlt sich bedeutsam an in einer Welt, in der man sich sonst oft zu wenig fühlt.

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Die Wirkung auf die Familie

Für die anderen Familienmitglieder ist diese Situation ambivalent.

Partner fühlen sich oft hilflos und ausgeschlossen. Sie trauen sich nicht mehr, selbst einzugreifen. Irgendwann geben sie auf. Verantwortung bleibt einseitig verteilt, Konflikte werden vermieden, innerer Abstand wächst.

Kinder lernen früh, dass Ordnung etwas ist, das sie nicht beherrschen dürfen oder können. Selbstständigkeit wird ausgebremst. Manche übernehmen später selbst chaotische Muster, andere entwickeln ein starkes Kontrollbedürfnis in die Gegenrichtung.

Nach aussen wirkt die Familie vielleicht funktional. Im Inneren bleibt vieles unausgesprochen.

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Auch für die Betroffene wird es eng

So sehr diese Unordnung Kontrolle gibt, so hoch ist der Preis dafür. Die Verantwortung bleibt ständig bei ihr. Entlastung ist kaum möglich, weil Loslassen Angst macht. Jede Veränderung bedroht das fragile Gleichgewicht. Mit der Zeit wächst die Erschöpfung. Gleichzeitig wird die Vorstellung von Ordnung immer bedrohlicher. Denn Ordnung würde nicht nur Dinge verändern, sondern Beziehungen. Sie würde bedeuten, Macht abzugeben. Sich zu zeigen. Vielleicht auch zu spüren, wie angreifbar man sich ohne dieses System fühlt.

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Warum Verständnis hier wichtiger ist als Druck

Solange Unordnung diese Funktion erfüllt, wird sie sich kaum auflösen lassen. Nicht durch Appelle. Nicht durch Aufräumpläne und auch nicht durch Vorwürfe. Was es braucht, ist etwas anderes: Ein Gefühl von Sicherheit. Die Erfahrung, auch ohne Kontrolle wichtig zu sein. Die Möglichkeit, Verantwortung zu teilen, ohne zu verschwinden. Erst wenn diese innere Sicherheit wächst, kann sich äussere Ordnung überhaupt anfühlen wie eine Hilfe und nicht wie ein Verlust.

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Schlussgedanke: Unordnung ist nicht immer nur Chaos. Manchmal ist sie ein letzter Halt. Eine stille Strategie, um in einer als bedrohlich erlebten Welt handlungsfähig zu bleiben.

Wer das erkennt, kann anders hinschauen. Mit mehr Respekt. Und mit der Bereitschaft, hinter das Offensichtliche zu blicken.

Wenn dich dieser Blick auf Unordnung als Machtmittel beschäftigt oder du dich darin wiedererkennst, begleite ich dich gern.

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