Scham

Scham ist mehr als ein peinlicher Moment: Nicht jeder Mensch bleibt in der Scham stecken. Doch viele meiner Klienten erleben genau das: Schämen wird zum Dauerzustand.

Scham ist ein intensives Gefühl. Sie kann uns plötzlich überrollen oder uns jahrelang begleiten. Ohne dass wir genau wissen, warum. Viele Menschen versuchen, Scham zu vermeiden oder zu verstecken. Doch oft bleibt sie im Hintergrund aktiv: Sie blockiert, hemmt und hält uns klein.

1. Die ursprüngliche „Funktion“ von schämen

Scham ist evolutionsbiologisch kein Fehler, sondern ein Warnsystem:

  • Sie schützt uns vor dem Ausschluss aus der Gruppe.
  • Sie bremst Verhaltensweisen, die uns isolieren könnten.
  • Sie signalisiert anderen Unterordnung. Beispiel: „Ich weiß, dass ich gegen die Norm war. Bitte nehmt mich wieder auf“

In der akuten Form ist das sinnvoll, denn sie hilft, soziale Bindungen zu stabilisieren.
In der chronischen Form dagegen verstrickt sich das Gefühl und verliert seinen ursprünglichen Sinn.

2. Warum manche in der Scham „stecken bleiben“

Hier wird’s spannend:
Scham kann, wenn sie lange anhält oder sehr früh geprägt wird, zu einem Teil der eigenen Identität werden. Das kann aus folgenden Gründen passieren:

  1. Vertrautheit
    Wer in der Kindheit oft beschämt wurde, kennt dieses Gefühl wie ein „inneres Zuhause“. Auch wenn es schmerzhaft ist, fühlt es sich „normal“ an. Das Gehirn wählt lieber das Bekannte als das Ungewisse, selbst wenn das Bekannte weh tut.
  2. Vermeidung von Verantwortung
    Scham kann verhindern, dass man ins Handeln kommt. Paradox klingt das so:
    • „Ich bin ein hoffnungsloser Fall, also kann ich es gar nicht versuchen.“
    • Damit schützt man sich vor dem Risiko, zu scheitern oder vor der Anstrengung, etwas zu ändern.
  3. Versteckte Kontrolle
    Scham ist zwar quälend, aber sie ist selbstfokussiert.
    • Wer sich dauernd schämt, ist so mit dem eigenen inneren Schmerz beschäftigt, dass andere Themen (z. B. Konflikte, Erwartungen, Anforderungen von außen) in den Hintergrund rücken.
    • Dadurch kann schämen unbewusst als „Schutzraum“ dienen.
  4. Unbewusster sekundärer Gewinn
    In manchen Fällen bringt sich schämen unbemerkte Vorteile:
    • Entlastung: Andere erwarten weniger, wenn man als „schwach“ oder „kaputt“ wahrgenommen wird.
    • Nähe: Manche bekommen mehr Zuwendung oder Verständnis, wenn sie sich verletzlich zeigen.
    • Sinn: Wer tief in der Scham steckt, spürt manchmal das Gefühl, wenigstens etwas sehr intensiv zu fühlen. Das kann eine Art Selbstbestätigung sein, wenn man sonst emotional abgestumpft ist.

3. Der „Genuss“ an der Scham neurobiologisch erklärt

Das klingt seltsam, aber hier sind zwei Mechanismen, die erklären, warum Scham gefühlt festhalten kann:

  • Belohnung durch Bestätigung des Weltbilds
    Wenn das Selbstbild lautet „Ich bin wertlos“, liefert jede beschämende Erfahrung eine Bestätigung dafür. Das Gehirn mag Konsistenz, auch wenn sie negativ ist. Diese Bestätigung aktiviert unbewusst das Belohnungssystem, weil es „passt“.
  • Dopamin und Stresshormone
    Schämen ist Stress. Intensiver Stress kann kurzfristig aktivierend wirken. Manche spüren in der Scham eine Art „energetische Aufladung“. (vergleichbar mit Wut oder Aufregung) Das wird paradox als lebendig empfunden, besonders wenn andere Gefühle gedämpft sind.

4. Warum andere sich nicht darin verlieren

Der Unterschied liegt oft in:

  • Frühen Erfahrungen: Menschen, die gelernt haben, Fehler von ihrem Selbstwert zu trennen, empfinden Scham kürzer und konstruktiver.
  • Resilienz: Wer Werkzeuge hat, Scham in Handlung oder Selbstmitgefühl umzuwandeln, rutscht weniger tief hinein.
  • Sozialer Spiegel: Wer in einem Umfeld lebt, in dem Akzeptanz auch bei Fehlverhalten spürbar bleibt, erlebt Scham weniger zerstörerisch.
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Unterschied von Scham zu peinlich und unangenehm

GefühlKernbedeutungIntensitätFokusTypische Reaktion
SchamBedrohung des Selbstwerts, Gefühl „falsch zu sein“hochauf die eigene PersonRückzug, Vermeidung, oft langanhaltend
PeinlichMomentaner sozialer Fauxpas, unangemessene Aufmerksamkeitmittelauf eine Handlung oder SituationLachen, Entschuldigen, Ablenken
UnangenehmLeichte bis mittlere innere Abwehr gegen eine Situationniedrig bis mitteloft auf Umstände oder Reize, nicht auf das SelbstWechseln der Situation, Abstand nehmen

Beispiele:

  • Scham: Du fühlst dich wertlos, weil jemand deine unordentliche Wohnung gesehen hat und du denkst: „Ich bin ein hoffnungsloser Fall.“
  • Peinlich: Du verschüttest im Restaurant ein Glas und alle schauen dich an.
  • Unangenehm: Du stehst in einem überfüllten Bus, jemand redet sehr laut am Handy – das nervt, betrifft aber nicht dein Selbstwertgefühl.

Scham ist ein mächtiges Gefühl und oft unsichtbar, manchmal lähmend.  Es ist aber immer ein Hinweis darauf, dass uns Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwert wichtig sind. Wer ihre Mechanismen versteht, kann lernen, sie nicht nur zu ertragen, sondern auch in eine Kraftquelle zu verwandeln. Der erste Schritt ist, darüber zu sprechen. Ohne Wertung, ohne Tabu.

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Mein Angebot an dich:
Wenn du das Gefühl hast, dass Scham dich zurückhält oder dein Leben bestimmt, lass uns darüber reden.
📩 Schreib mir einfach – ein vertrauliches Gespräch kann der Anfang einer großen Veränderung sein.

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Drei Buchtipps zum Weiterlesen: Wenn du tiefer eintauchen willst, hier drei empfehlenswerte Bücher über Scham – alle auf Deutsch erhältlich:

Scham von Jens L. Tiedemann, ISBN-13: 978-3-8379-2229-5 Ein kompaktes, psychodynamisch fundiertes Werk, das zentrale psychoanalytische Konzepte rund um Scham, ihre Entstehung und ihre Rolle im therapeutischen Prozess beleuchtet. Ideal zur Klärung, wie Scham (auch als Widerstand) in Therapie und Selbsterfahrung wirkt.

Scham – die tabuisierte Emotion von Stephan Marks, ISBN-13: 978-3-8436-1307-1 Ein sozialwissenschaftlicher Zugang, der Ursachen und Folgen von Scham beleuchtet, zwischen „traumatischer Scham“ und „gesunder Scham“ differenziert und deren Bedeutung fürs Selbstwertgefühl, für Intimität sowie Zugehörigkeit beschreibt. Besonders wertvoll für deine Klientinnen, um das Gefühl in Beziehung zu Normalität und Selbstverständnis einzuordnen.

Der Wert der Scham: Die Erforschung einer Gesundheitsressource in kulturellen Kontexten (Hrsg. Elisabeth Vanderheiden & Claude-Hélène Mayer) ISBN-13: 978-3-86617-142-8Ein Sammelband aus 2023, der Scham aus Perspektive der positiven Psychologie und Kulturwissenschaften betrachtet. Er zeigt auf, wie Scham nicht nur belastet, sondern auch als Ressource für Resilienz und persönliche Stärke genutzt werden kann – gerade im interkulturellen Kontext spannend.