Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass Aufräumen überhaupt möglich wird. Und genau deshalb wird mir übel, wenn ich in den öffentlichen Medien sehe, wie das Thema Messie-Syndrom behandelt wird. Fast immer wird der Worst Case gezeigt: Wohnungen dienen als Schockbilder, Menschen weinen, sind verzweifelt und werden an den Rand gedrängt.
Dann kommen Fremde, sie räumen auf und sie entscheiden. Die Psyche des Menschen wird komplett übergangen.
Öffentliche Formate erzeugen Angst statt Hilfe
Viele meiner Klienten sehen diese Beiträge.
Sie sitzen zu Hause und denken: „Oh mein Gott, das werde ich mir niemals antun.“ Andere reagieren anders. Sie sagen sich: „Bei mir ist es ja noch nicht so schlimm.“ Beides ist verständlich. Und beides hält Veränderung auf.
Denn diese Formate zeigen nicht Hilfe, sondern Kontrollverlust.
Sie zeigen keine Entwicklung, sondern Überforderung.
Und sie verstärken genau das, was ohnehin schon da ist: Scham, Angst und Rückzug.

Ordnung scheitert ohne Blick auf die Psyche
Natürlich gibt es Aufräumtipps.
Klar gibt es Strategien gegen Aufschieberitis.
Und ja, man kann man das Gehirn kurzfristig überlisten.
Aber ganz ehrlich:
Man kann erst aufräumen, wenn innerlich etwas sicherer geworden ist.
Solange die Gründe und Ursachen nicht verstanden sind, bleibt jedes Aufräumen oberflächlich.
Dann entsteht vielleicht Ordnung im Aussen, aber innerlich wird alles enger.
Und das System findet früher oder später einen Weg zurück in die Unordnung.

Wenn selbst in einer Ehe kein Zugang möglich ist
Das zeigt sich nicht nur bei Betroffenen, sondern auch bei Angehörigen.
Ein Mann erzählt mir von seiner Ehe. Seit Jahren leben sie zusammen. Und trotzdem kommt er nicht an seine Partnerin heran.
Er sagt:
„Ich sehe, wie es sie belastet. Ich sehe die Wohnung. Ich sehe ihre Erschöpfung. Aber sobald ich etwas anspreche, macht sie zu. Sie schweigt. Oder sie wird wütend. Und ich habe das Gefühl, ich stehe vor einer Wand.“
Er ist verzweifelt. Er liebt sie. Und gleichzeitig fühlt er sich ausgeschlossen aus ihrem inneren Leben. Vermehrt hat er Angst, etwas falsch zu machen. Angst, sie zu verletzen. Angst, alles noch schlimmer zu machen. Also sagt er irgendwann gar nichts mehr. Nicht, weil es ihm egal ist.
Sondern weil auch ihm das Vertrauen fehlt, dass Offenheit etwas Gutes bewirken könnte.

Vertrauen ist die Grundlage für jede Veränderung
In schnellen Aufräumaktionen kann dieses Vertrauen nicht entstehen.
Dafür ist keine Zeit und kein Raum.
In meiner Arbeit erlebe ich etwas anderes.
Ich habe Zeit und höre zu. Und ich bleibe auch dann, wenn es unangenehm wird.
Oft erfahre ich mehr über die inneren Hintergründe meiner Klienten als Fachpersonen, die sie seit Jahren begleiten. Nicht, weil diese schlecht arbeiten, sondern weil Vertrauen gefehlt hat. Und ohne Vertrauen wird geschwiegen.

Wenn Aufräumen wie ein Übergriff erlebt wird
Eine betroffene Person beschreibt mir, wie sich eine solche Aufräumaktion angefühlt hat.
Fremde Menschen in der Wohnung. Zeitdruck.
Fremdgesteuerte Entscheidungen über Dinge, die eine Bedeutung hatten.
Sie sagt:
„Ich konnte gar nichts mehr sagen. Alles in mir hat sich zusammengezogen. Ich wollte schreien und gleichzeitig unsichtbar sein. Es war, als würde jemand mein Innerstes ausräumen, ohne mich zu fragen.“
Während Dinge weggeworfen wurden, wurde sie innerlich immer kleiner.
Scham, Panik, Ohnmacht. Sie war wie gelähmt. Nach der Aktion war die Wohnung leerer. Aber sie selbst war es auch. Leer, verletzt und voller Angst. Das Vertrauen war zerstört. Der Rückzug tiefer als zuvor. Ordnung im Aussen. Chaos im Inneren.

Schweigen und Blockieren sind Schutzmechanismen
Ein anderer Betroffener beschreibt sehr klar, wie er versucht, sich zu schützen.
Er blockiert Gespräche und weicht Fragen aus.
Dieser Mann sagt Termine ab oder reagiert irgendwann gar nicht mehr. Nicht, weil ihm alles egal ist. Sondern weil der Druck zu groß wird.
Er sagt:
„Wenn ich zuhöre, muss ich fühlen. Und das halte ich nicht aus. Also mache ich dicht. Nicht aus Trotz, sondern um zu überleben.“
Die Unordnung ist für ihn kein Zufall. Sie ist eine Strategie.
Ein Schutzraum und ein Abstand zur Welt. Blockieren und Ausweichen sind keine Verweigerung. Sie sind Versuche, sich selbst zu stabilisieren. Erst als niemand mehr gedrängt hat, begann er langsam zu sprechen. Zögerlich.Vorsichtig. Aber ehrlich.

Das Warum ist der Schlüssel
Erst wenn das Warum sichtbar wird, kann sich etwas verändern.
Dann wird klar, wofür die Unordnung da ist. Welche Funktion sie erfüllt. Was sie schützt und wovor sie schützt.
Wenn dieses Warum verstanden ist, kann sich im Inneren etwas sortieren.
Im System, in der Psyche, im eigenen Leben. Und erst dann entsteht die Bereitschaft, loszulassen. Nicht aus Zwang, sondern aus innerer Sicherheit.

Ordnung braucht Beziehung, nicht Druck
Aufräumen ist kein Event, keine Show und kein Eingriff von aussen. Es ist ein Prozess.
Und dieser Prozess braucht Vertrauen. Ohne Vertrauen geht Aufräumen nicht.
Alles andere ist kurzfristige Ordnung mit langfristigem Schaden.
Wenn du merkst, dass du alleine nicht weiterkommst, melde dich gerne.

Weitere Unterstützung und Austausch findest du beim Messie-Verein:
https://messie-verein.ch/
Eine Anlaufstelle in 8953 Dietikon/CH, für Betroffene und Angehörige, bei der Vertrauen, Gespräche und Verständnis im Mittelpunkt stehen.
Blogbeitrag: „Unordnung ist keine Faulheit.„
Warum hinter Unordnung oft innere Gründe stehen und Druck keine Lösung ist. Hier weiterlesen…
