Messie-Syndrom: Warum das Bild in unseren Köpfen oft nicht stimmt

Neulich war ich nach Feierabend in einer Bar und hatte ein Gespräch, das mir wieder gezeigt hat, weshalb das Thema Messie-Syndrom: Warum das Bild in unseren Köpfen oft nicht stimmt so wichtig ist.

Ein Mann sitzt mir gegenüber und fragt interessiert, was ich beruflich mache. Ich erzähle von meiner Arbeit im Ordnungstraining. Nach wenigen Minuten fällt das Wort: Messie-Syndrom. Und dann passiert etwas, das ich so oder ähnlich immer wieder erlebe.

Er sagt: „Ah, das ist doch eine Krankheit, oder? Das steht doch jetzt im ICD-11.“

Ich atme kurz durch. Nicht genervt, eher wach. Weil genau hier ein Missverständnis beginnt, das für viele Betroffene schwerwiegende Folgen hat.

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Das Messie-Syndrom ist kein einheitliches Krankheitsbild

Was im ICD-11 tatsächlich aufgenommen wurde, ist das sogenannte pathologische Horten. Das ist ein klar definierter Teilbereich. Aber: Nicht jede Unordnung hat mit Horten zu tun. Und nicht jeder Mensch mit Unordnung erfüllt klinische Kriterien.

In meiner täglichen Arbeit zeigt sich etwas anderes: Unordnung ist oft ein Symptom. Kein eigenständiges Problem. Sie ist Ausdruck von etwas Tieferliegendem und deshalb nenne ich es lieber Messie-Spektrum.

Unordnung hat viele Ursachen

Wenn du nur auf die sichtbare Unordnung schaust, übersiehst du den eigentlichen Kern. In vielen Fällen spielen psychologische Faktoren eine Rolle, zum Beispiel:

  • unverarbeitete Erfahrungen oder Traumata
  • neurodivergente Muster wie ADHS oder Autismus
  • Überforderung im Alltag
  • fehlende Strukturierungsstrategien
  • individuelle Persönlichkeitsausprägungen

Das Ergebnis kann ähnlich aussehen, aber die Ursachen sind völlig unterschiedlich.

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Ein Beispiel aus meiner Praxis

Vor einiger Zeit hat mich eine Frau angerufen. Weinend. Sie sagte: „Ich bin ein ganz schlimmer Messie.“ Alle in ihrem Umfeld hätten ihr das gesagt. Als ich sie besucht habe, zeigte sich ein ganz anderes Bild. Keine vermüllte Wohnung und auch keine extremen Zustände.

Was ich gesehen habe: Papierstapel und Kleider an mehreren Orten. Keine klare Struktur und sichtbare Überforderung. Mehr nicht.

Das Problem war nicht „Messie-Sein“, es war Desorganisation. Als ich ihr das gesagt habe, ist sichtbar etwas von ihr abgefallen. Plötzlich war da kein Stempel mehr. Sondern eine lösbare Aufgabe.

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Drei psychologische Ursachen für Organisationsprobleme

Hier sind typische Hintergründe, die ich in meiner Arbeit häufig sehe:

1. ADHS: Schwierigkeit, Dinge zu strukturieren

Menschen mit ADHS haben oft Probleme mit:

  • Prioritäten setzen
  • Aufgaben beginnen
  • Dinge zu Ende bringen

Das führt schnell zu Stapeln, offenen Projekten und scheinbarer Unordnung. Nicht, weil sie „chaotisch sind“. Ihr Gehirn arbeitet einfach anders .

2. Trauma: Schutz durch Rückzug und Stillstand

Nach belastenden Erfahrungen kann Ordnung plötzlich unwichtig werden. Oder sogar bedrohlich wirken. Unordnung kann dann eine Art Schutzraum sein. Etwas, das Abstand schafft oder Kontrolle ersetzt, wenn innerlich keine da ist.

3. Autismus: Andere Logik von Ordnung

Bei Autismus geht es oft nicht um fehlende Ordnung. Sondern um eine andere Form von Ordnung. Aussenstehende empfinden es chaotisch. Für die betroffene Person hat alles seinen Platz. Nur nicht nach „klassischen“ Systemen. Konflikte entstehen dann, wenn diese Systeme nicht verstanden werden.

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Das Problem mit den Medienbildern

Wenn in den Medien über das Messie-Spektrum berichtet wird, sieht man fast immer Extreme. Komplett zugestellte Wohnungen, Müllberge und unhygienische Zustände. Diese Bilder prägen sich ein, aber sie zeigen nur einen kleinen Ausschnitt. Die Realität ist ein Spektrum. Viele Menschen bewegen sich weit weg von diesen extremen Darstellungen und leiden trotzdem stark unter ihrer Situation. 

Das Problem: Sie erkennen sich in diesen Bildern nicht wieder. Oder schlimmer: Sie glauben, sie seien „nicht schlimm genug“, um Hilfe zu verdienen.

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Warum Sprache hier entscheidend ist

Das Wort „Messie“ wird oft vorschnell benutzt. Als Etikett und als Bewertung. Doch genau das kann Menschen zusätzlich belasten. In meinem Beispiel hat die Frau nicht unter ihrer Wohnung gelitten, eher unter dem, was andere über sie gesagt haben.  Als wir die Situation korrekt eingeordnet haben, wurde etwas möglich: Veränderung ohne Scham und ohne falsche Diagnose.

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Also: Es geht nicht um Schubladen, sondern um Verständnis!

Unordnung ist nicht gleich Unordnung. Und schon gar nicht gleich eine Krankheit.

Wenn du beginnst, genauer hinzuschauen, erkennst du:

  • die Ursachen sind individuell
  • die Ausprägungen sind unterschiedlich
  • die Belastung ist real, auch ohne Extremzustand

Und genau dort beginnt sinnvolle Unterstützung.

Nicht beim Urteil, sondern beim Verstehen.

Hast du das Gefühl, dass deine Unordnung dich belastet, aber du passt in kein „klassisches Bild“? Dann lohnt sich ein genauer Blick. Gemeinsam finden wir heraus, was wirklich dahintersteckt und was dir konkret helfen kann.

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Wenn du merkst, dass du zwar verstehst, was dahintersteckt, aber nicht ins Handeln kommst, kann diese Methode ein hilfreicher nächster Schritt sein. Hier weiterlesen…