Messie-Syndrom in den Medien

Wenn über das Messie-Syndrom in den Medien berichtet wird, geschieht das häufig in Form von Aufräumvideos. Besonders auf YouTube erzielen solche Formate hohe Reichweiten. Gezeigt werden extreme Wohnsituationen, kombiniert mit Unterhaltung, Selbstdarstellung und Produktplatzierungen.

Diese Darstellungen sind fachlich problematisch. Nicht nur, weil sie ein verzerrtes Bild vermitteln. Sondern auch, weil sie bei vielen Menschen, die Unterstützung brauchen, Abwehr und Scham verstärken.

In der Arbeit mit Betroffenen zeigt sich immer wieder, wie groß die Hemmung ist, Hilfe anzunehmen. Viele kennen diese Videos. Viele berichten, dass genau solche Darstellungen sie davon abhalten, jemanden in ihre Wohnung zu lassen.

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Was viele Aufräumvideos auf YouTube zeigen

Die Dramaturgie folgt meist einem ähnlichen Muster:

  • extreme Bilder
  • Fokus auf Schmutz, Abfall und Ekel
  • körpernahe Inszenierung
  • sichtbare Selbstdarstellung der aufräumenden Person
  • Produktplatzierungen mitten im Geschehen

Der Wohnraum wird zur Bühne. Das Aufräumen wird zur Performance. Die Aufmerksamkeit liegt nicht auf dem Menschen, sondern auf dem Effekt. Ordnung erscheint als etwas, das man nur aushalten und überwinden müsse. Nähe zu Schmutz wird als Mut dargestellt. Distanz, Schutz und Zurückhaltung spielen kaum eine Rolle. Dieses Bild ist fachlich falsch.

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Warum diese Darstellung Hilfe erschwert

Bei vielen Betroffenen lösen solche Videos keine Motivation aus, sondern Rückzug. In Gesprächen zeigen sich immer wieder ähnliche Reaktionen:

  • verstärkte Scham
  • Angst vor Bloßstellung
  • Misstrauen gegenüber Hilfsangeboten
  • innere Abwehr statt Veränderungsbereitschaft

Wenn Aufräumen genussvoll inszeniert wird und Selbstdarstellung sowie Unterhaltung im Vordergrund stehen, fühlen sich Betroffene nicht ernst genommen. Unterstützung wird mit Bewertung verknüpft. Hilfe sollte entlasten. Diese Form der Darstellung bewirkt häufig das Gegenteil.

Warum Vertrauen dabei eine zentrale Rolle spielt und wie Veränderung unter respektvollen Bedingungen möglich wird, beschreibe ich im Artikel Ohne Vertrauen geht Aufräumen nicht.

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Messie-Spektrum, Diogenes-Syndrom /Vermüllungssyndrom

Was in vielen dieser Videos gezeigt wird, betrifft nur einen sehr kleinen Teil des Messie-Spektrums. Häufig handelt es sich um extrem vermüllte Wohnungen, in denen Hygiene nicht mehr möglich ist und der Wohnraum seine Funktion verloren hat.

Psychologisch wird hier meist vom Diogenes-Syndrom gesprochen, auch Vermüllungssyndrom genannt. Diese Form stellt die extremste Ausprägung innerhalb des Messie-Spektrums dar.

Typische Merkmale sind:

  • schwere psychische Erkrankungen
  • massive Selbstvernachlässigung
  • starke soziale Isolation
  • geringe oder fehlende Krankheitseinsicht

Klartext:

Die Mehrheit der Menschen im Messie-Spektrum lebt nicht in solchen Zuständen. Viele funktionieren im Alltag, gehen zur Arbeit und haben soziale Kontakte. Gleichzeitig ist die innere Belastung hoch. Scham spielt eine zentrale Rolle.

Wenn Medien diese extremen Fälle pauschal als Messie-Syndrom darstellen, entsteht ein verzerrtes Bild. Dieses Bild wirkt stigmatisierend und verstärkt die Angst, selbst so gesehen zu werden.

Ein häufig geäußerter Gedanke lautet dann:
„So schlimm ist es bei mir nicht. Aber genau so möchte ich auf keinen Fall wahrgenommen werden.

Das erschwert den Schritt, Hilfe zu suchen, erheblich.

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Die Perspektive der Betroffenen

Eine entscheidende Frage bleibt in vielen Formaten unbeantwortet: Wie fühlt sich ein Mensch, wenn er später sieht, wie seine Wohnung öffentlich dargestellt wird?

Die meisten wollten Unterstützung, nicht eine Bühne. Gewünscht war Entlastung, keine Inszenierung.
Und schon gar keine öffentliche Zurschaustellung des eigenen Schutzraums.

Wenn Aufräumen mit sichtbarer Lust, Körpernähe, Selbstinszenierung und Produktplatzierung verbunden wird, kann das als Entwertung erlebt werden. Der Preis für die Hilfe ist dann sehr hoch. Aus fachlicher Sicht ist dieser Preis nicht vertretbar.

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Ordnung ist kein Entertainment

Wohnräume sind keine Kulissen.
Sie sind Ausdruck von Biografie, Überforderung, Schutzmechanismen und inneren Konflikten. Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch Schockbilder oder Vorher-Nachher-Effekte.

Sie braucht:

  • Sicherheit
  • Zeit
  • Freiwilligkeit
  • Würde

Formate, die Ordnung zur Unterhaltung machen, verstärken genau jene Mechanismen, die Veränderung verhindern.

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Meine Haltung

In der eigenen Arbeit stehen Schutz, Respekt und Freiwilligkeit im Vordergrund. Wohnungen werden nicht zur Unterhaltung gezeigt. Selbstinszenierung ist kein Werkzeug. Reichweite ist kein Maßstab für Qualität. Nicht, weil das weniger wirksam wäre. Sondern weil bekannt ist, was solche Bilder bei Betroffenen auslösen können. Hilfe beginnt dort, wo Sicherheit entsteht. Nicht dort, wo Angst vor Bewertung herrscht.

Zum Schluss: Dieser Beitrag richtet sich nicht gegen einzelne Personen.
Er richtet sich gegen eine Darstellung, die Würde gegen Klicks eintauscht. Wenn das Messie-Syndrom in den Medien zur Show wird, verlieren die Menschen, um die es eigentlich geht.

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Wenn du dich hier wiedererkennst

Vielleicht hat dieser Text etwas in dir berührt.
Gibt es Unordnung in deiner Wohnung und gleichzeitig die Sorge, verurteilt zu werden? Unterstützung darf respektvoll sein. Sie darf sich am eigenen Tempo orientieren.

Standort-Gespräch anfragen

Weitere Informationen zu meiner Arbeitsweise findest du hier: Flow-Doubling: Meine Methode

Weiterführendes Video zum Thema
In diesem Video habe ich mich bereits vor einigen Jahren mit dem Messie-Syndrom in den Medien und dem Umgang mit Betroffenen auseinandergesetzt.
👉 https://www.youtube.com/watch?v=jA-cHUzWaNk