Eigengeruch in der Wohnung kennen die meisten Menschen, auch wenn sie ihn selbst oft gar nicht mehr wahrnehmen. Häufig fällt das Thema erst auf, wenn Besucher einen Geruch bemerken. Tatsächlich riecht die Wohnung weiterhin. Unser Gehirn blendet vertraute Gerüche nach einiger Zeit aus. Das ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern ein ganz normaler biologischer Mechanismus.
Das Gehirn filtert bekannte Gerüche aus
Unsere Nase nimmt Gerüche ständig wahr. Trotzdem gelangen längst nicht alle Eindrücke bewusst in unser Denken. Das Gehirn entscheidet laufend, welche Informationen wichtig sind und welche nicht.
Bleibt ein Geruch über längere Zeit unverändert, stuft das Gehirn ihn als bekannt ein. Es schenkt ihm immer weniger Aufmerksamkeit. Fachleute sprechen von einer Geruchsadaptation. Der Geruch verschwindet dabei nicht. Er ist weiterhin vorhanden. Nur die bewusste Wahrnehmung nimmt deutlich ab.
Diesen Mechanismus kennt fast jeder. Nach kurzer Zeit spüren wir unsere Kleidung kaum noch auf der Haut. Auch das Ticken einer Uhr oder das Summen eines Kühlschranks nehmen wir nach einer Weile nicht mehr bewusst wahr. Mit Gerüchen funktioniert es ganz ähnlich.

Warum wir den Eigengeruch der Wohnung nicht mehr riechen
Diese Fähigkeit hatte im Laufe der Evolution einen wichtigen Nutzen. Würden wir jeden bekannten Geruch dauerhaft gleich intensiv wahrnehmen, wäre unser Gehirn ständig mit unwichtigen Informationen beschäftigt.
Stattdessen bleibt Aufmerksamkeit für Veränderungen frei. Ein plötzlich auftretender Rauchgeruch, austretendes Gas oder verdorbene Lebensmittel mussten unsere Vorfahren möglichst schnell erkennen. Neue Gerüche konnten auf Gefahr hinweisen und verlangten sofortiges Handeln.
Unser Gehirn arbeitet deshalb wirtschaftlich. Bekanntes wird in den Hintergrund geschoben. Neues rückt in den Vordergrund.

Warum Besucher den Geruch sofort wahrnehmen
Menschen, die eine Wohnung zum ersten Mal betreten, haben sich an den Geruch noch nicht gewöhnt. Ihr Gehirn bewertet ihn als neue Information. Deshalb nehmen sie ihn sofort wahr.
Für Bewohner kann das irritierend sein. Sie sind oft ehrlich überrascht, wenn jemand sagt: «Hier riecht es etwas.» Das bedeutet nicht, dass sie unehrlich sind oder den Geruch herunterspielen möchten. Häufig nehmen sie ihn tatsächlich nicht mehr bewusst wahr.

Eigengeruch in der Wohnung und das Messie-Spektrum
Gerade im Messie-Spektrum spielt dieser Mechanismus eine grosse Rolle. Mit der Zeit können sich Gerüche entwickeln, die den Bewohnern selbst kaum noch auffallen. Das können Gerüche von altem Papier, feuchten Textilien, Lebensmitteln, Haustieren oder lange nicht gereinigten Bereichen sein.
Viele Betroffene erleben dann eine unangenehme Situation. Besuch reagiert irritiert, während sie selbst den Geruch überhaupt nicht wahrnehmen können. Das führt häufig zu Scham und Selbstzweifeln.
Dabei handelt es sich zunächst um einen ganz normalen biologischen Vorgang. Niemand kann sein Gehirn dazu zwingen, einen dauerhaft vorhandenen Geruch ständig bewusst wahrzunehmen.

Der Geruch verschwindet nicht, nur die Wahrnehmung
Auch wenn der Geruch ausgeblendet wird, bleibt seine Ursache bestehen. Genau deshalb lohnt es sich, Veränderungen ernst zu nehmen. Manchmal hilft bereits ein offenes Fenster oder gründliches Lüften. In anderen Fällen steckt mehr dahinter, etwa feuchte Textilien, verdorbene Lebensmittel oder Abfälle, die längst zur Gewohnheit geworden sind.
Wer allein lebt, hat oft niemanden, der auf solche Veränderungen aufmerksam macht. Umso schwieriger wird es, den eigenen Eindruck richtig einzuschätzen.

Was Betroffene daraus mitnehmen können
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Betroffene erschrocken sind, wenn wir über das Thema sprechen. Nicht selten sagen sie: «Ich habe das wirklich nicht gemerkt.»
Genau deshalb gehört der Geruch einer Wohnung für mich nicht zu den Themen, über die man urteilen sollte. Er ist oft kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern eine Folge davon, wie unser Gehirn funktioniert.
Wer versteht, warum der Eigengeruch ausgeblendet wird, kann auch besser nachvollziehen, weshalb Veränderungen manchmal erst durch den Blick oder die Nase eines anderen Menschen sichtbar werden. Dieses Wissen nimmt Schuldgefühle. Gleichzeitig hilft es dabei, die eigene Wohnsituation realistischer einzuschätzen und notwendige Veränderungen früher anzugehen.
Manchmal brauchen wir nicht mehr Willenskraft. Sondern wir brauchen einfach jemanden, der wahrnimmt, was unser eigenes Gehirn längst ausgeblendet hat.

Scham hält viele Menschen davon ab, Hilfe anzunehmen. Dabei ist der erste Schritt oft der wichtigste. Wenn du dir eine verständnisvolle Begleitung wünschst, freue ich mich darauf, dich kennenzulernen.
