Wenn du mit jemandem im Messie-Spektrum zusammenlebst, kennst du vermutlich das Gefühl, dass sich alles nur noch um diese Person dreht. Co-Abhängigkeit beschreibt genau diese Dynamik: Du opferst dich für eine andere Person auf, oft ohne es zu merken. Dein eigenes Wohlbefinden bleibt auf der Strecke, während du immer tiefer in die Bedürfnisse des anderen verstrickst. Du kümmerst dich, deckst ab, begrenzt Schäden und versuchst, nach außen hin Normalität zu wahren. Dabei übersiehst du womöglich, wie sehr du selbst in den Hintergrund gerätst.
Sandra – zwischen Liebe und Selbstaufgabe
Sandra war jung und verliebt, als sie Stefan kennenlernte. Sie bewunderte seine Karriere und seine Stärke. Schon früh fiel ihr auf, dass Stefan Schwierigkeiten mit der Ordnung hatte. Doch damals sah sie das nicht als Problem – die Liebe war zu groß, die rosarote Brille zu dick.
Mit der Zeit veränderte sich die Beziehung. Während Stefan beruflich immer erfolgreicher wurde, blieb Sandra zuhause. Sie hielt ihrem Mann den Rücken frei und kümmerte sich um die zwei Kinder. Sie übernahm im Alltag die kleinen und großen Aufgaben.Doch Stefans Sammelleidenschaft wuchs. Briefe, Zeitungen, Verpackungen – alles landete in ihrem Zuhause. Die Räume füllten sich, und Sandra kämpfte verzweifelt, Küche und Wohnzimmer einigermaßen ordentlich zu halten. Jeder Besuch wurde zur Anstrengung: Erst das Chaos beseitigen, dann den Schein wahren.
Jahrelang hielt Sandra durch, bis sie eines Tages in den Spiegel sah und sich selbst kaum wiedererkannte. Sie hatte alles für Stefan getan – und dabei völlig vergessen, wer sie selbst einmal war.

Jonas – ein Kind trägt die Last
Jonas war gerade mal fünf Jahre alt, als er das erste Mal merkte, dass bei ihnen zu Hause etwas nicht stimmte. Seine Mutter liebte es zu shoppen, sein Vater war ein hochintelligenter Professor, aber beide konnten keine Ordnung halten. Überall lag Zeug herum, von Kleidung über Bücher bis hin zu schimmeligen Essensresten.
Als Jonas in den Kindergarten kam, fiel der Erzieherin auf, dass er oft die gleichen Kleider trug und unangenehm roch. Sie alarmierten die Behörden. Plötzlich war Jonas mitten in einem Strudel aus Erklärungen und Entschuldigungen für seine Eltern.
Je älter er wurde, desto mehr Verantwortung über nahm Jonas. Er räumte den Eingangsbereich auf, schob Müllsäcke aus dem Blickfeld, wenn jemand an der Tür klingelte. Er erfand Ausreden, warum Freunde nicht zu ihm nach Hause kommen konnten und übernachtete oft auswärts. Doch die Last war zu groß.
Mit 16 brach Jonas zusammen. Er entwickelte eine Depression und schaffte es nur durch eine Therapie, sich Stück für Stück aus der Verantwortung zu befreien. Heute besuchte er seine Eltern regelmäßig, aber er hat gelernt, seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr hintenanzustellen.
Co-Abhängigkeit verstehen
In einer co-abhängigen Beziehung wird oft nicht erkannt, dass man sich selbst verliert, weil sich alles nur um den anderen dreht. Solange die Person im Messie-Spektrum nicht bereit ist, an ihrer Situation zu arbeiten, kannst du als Angehöriger kaum etwas verändern. Was du jedoch tun kannst, ist, dich selbst zu schützen.
Buchtipp: Eine fundierte Einführung in das Thema Co-Abhängigkeit „Wenn du mich wirklich liebtest“ von Pia Mellody , ISBN978-3-548-06914-2 Es bietet einen hilfreichen Einblick in die Dynamiken und zeigt Wege auf, wie du dich selbst stärken kannst.
Lösungen, um dich besser abzugrenzen
- Deine Grenzen finden
Nimm dir bewusst Zeit, um zu spüren, was dir zu viel wird. Setze klare Grenzen – für dich und für die andere Person. Es ist nicht egoistisch, an dich selbst zu denken. Überlege dir, welche Aufgaben du übernehmen kannst und willst, und ziehe dich bewusst zurück, wenn du merkst, dass du dich selbst verlierst.
- Hilfe suchen
Es kann unglaublich befreiend sein, mit jemandem über deine Situation zu sprechen. Ein Therapeut oder Coach kann dir helfen, die Dynamiken zu verstehen und einen Weg aus der Co-Abhängigkeit zu finden. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen bietet oft neue Perspektiven und emotionale Unterstützung. Beispielsweise hier: „Offener Austausch für Angehörige von Menschen mit Messie-Syndrom“
- Dein Weg zurück zu dir selbst
Der erste Schritt aus der Co-Abhängigkeit ist, dich selbst wieder wahrzunehmen. Deine Bedürfnisse, deine Grenzen und deine Wünsche sind wichtig. Erlaube dir, ehrlich zu sein: Wie viel kannst und willst du noch geben, ohne dabei selbst zu zerbrechen? Es ist nicht deine Aufgabe, die Probleme anderer Menschen allein zu lösen. Deine Gesundheit und dein Wohlbefinden sind ebenso wertvoll!
Wenn du Unterstützung brauchst, um deinen Weg zu finden, lass uns darüber reden. Gemeinsam können wir Lösungen entwickeln, die dir helfen, wieder in deine Kraft zu kommen.
Du bist nicht allein. Wage den ersten Schritt und melde dich bei mir.
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