Warum akribische Abfalltrennung für manche Menschen zur Qual wird: Wenn Menschen mit großem Chaos Hilfe beim Aufräumen bekommen, ist das oft ein wichtiger Wendepunkt. Doch manchmal wird dieser Prozess plötzlich zäh. Man kommt kaum voran.
„Das kann doch nicht so schwer sein!“
Ein Karton soll in den Müll – und nach 20 Minuten steht er immer noch da.
Als Helfender fragst du dich vielleicht:
„Warum dauert das so lange?“
„Warum wird ausgerechnet am Müll so ein Theater gemacht?“
Die Antwort liegt tiefer, als man denkt.
Ein scheinbar kleiner Schritt – mit großer innerer Bedeutung
Für viele Menschen im Messie-Spektrum ist Müll nicht einfach Müll.
Er ist mit Bedeutung aufgeladen:
- Wert („Das ist doch noch gut.“)
- Schuld („Ich darf nichts verschwenden.“)
- Kontrolle („Ich will es richtig machen.“)
- Ordnung („Ich muss sortieren, damit ich mich sicher fühle.“)
Und so wird das Mülltrennen zur hochkomplexen Aufgabe.
Nicht selten auch zum Stressauslöser.

Zehn Beispiele für akribische Mülltrennung
Hier einige typische Szenen, die du vielleicht beobachtet hast – oder bald erleben wirst:
- Karton wird aufgerissen, um zu prüfen, ob die Bedruckung mit Folie beschichtet ist.
- Diese Beschichtung wird mühsam entfernt, weil sie nicht ins Altpapier gehört.
- Briefumschläge mit Sichtfenster werden akribisch zerlegt – Fenster raus, Papier separat.
- Heftklammern aus kleinen Booklets werden mit Werkzeug entfernt.
- Klebebänder auf Kartonverpackungen werden Zentimeter für Zentimeter abgezogen.
- Joghurtdeckel aus Alu werden vom Becher getrennt, geglättet und gesondert entsorgt.
- Glasflaschen werden eingeweicht, um Etiketten zu entfernen.
- Styroporschalen werden geschrubbt, obwohl sie gleich in den Abfall kommen.
- Verbundverpackungen (z. B. Tetra Pak) werden aufgetrennt und sortiert.
- Plastikblister von Medikamenten werden vorsichtig von der Aluminiumfolie gelöst.
All das mit größter Sorgfalt.
Oft mit der Überzeugung: „Nur so ist es korrekt.“
Was steckt psychologisch dahinter?
Viele Betroffene haben ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle. Bei manchen neurodivergenten Menschen – etwa mit Autismus oder ADHS – kommt noch etwas dazu:
Ein starker innerer Drang, Dinge genau richtig zu machen.
Reize werden intensiver wahrgenommen, kleine Details fallen stark ins Gewicht. Was für andere „Kleinkram“ ist, kann sich für sie groß und bedeutsam anfühlen. Falsches Trennen? Kaum ertragbar.
Darum wird jede Klammer entfernt, jede Folie abgezogen – aus tiefem innerem Antrieb.
Gerade inmitten des Chaos versuchen sie, wenigstens eine Sache richtig zu machen.
Perfekte Mülltrennung wird dann zu einer Art Rettungsanker.
Etwas, das Sicherheit gibt.
Etwas, woran man sich festhalten kann.

Oft sind auch frühere Erfahrungen im Spiel:
- Strenge Erziehung: „Ordnung muss sein.“
- Schuldgefühle: „Ich darf der Umwelt nicht schaden.“
- Selbstwertprobleme: „Ich muss beweisen, dass ich es kann.“
- Verlustängste: „Vielleicht brauche ich das noch.“
Der Wunsch nach richtigem Verhalten überlagert den Wunsch nach Fortschritt.
Und genau da stockt der Aufräumprozess.
Warum das Helfen manchmal schwierig wird
Wer helfen will, braucht oft viel Geduld.
Doch diese Geduld kann bröckeln, wenn man das Verhalten nicht versteht.
Es wirkt wie Bummeln.
Wie Blockade.
Wie Widerstand.
Doch meist ist es Angst.
Oder ein verzweifelter Versuch, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen.
Was du als helfendende Person tun kannst
- Beobachte ohne zu werten.
Frag nicht sofort „Warum machst du das?“, sondern: „Was brauchst du, um weiterzumachen?“- Biete Vereinfachung an.
Zum Beispiel: „Sollen wir den Karton heute einfach so entsorgen – und beim nächsten Mal genauer schauen?“- Mach kleine Schritte sichtbar.
Lobe nicht nur Ergebnisse, sondern auch Entscheidungen: „Du hast dich entschieden, das wegzugeben. Das ist riesig.“- Sprich über innere Antreiber.
Frag sanft: „Hast du das Gefühl, es muss perfekt sein? Woher kommt das?“- Bleib mitfühlend – auch mit dir selbst.
Wenn du merkst, dass dich die Geduld verlässt, nimm eine Pause.
Auch du darfst deine Grenzen spüren.

Also– Es geht nicht nur um Müll
Wenn ein Mensch sich beim Mülltrennen schwer tut, geht es selten um Müll.
Es geht um emotionale Altlasten.
Um Ängste, Erwartungen, Erfahrungen.
Wer das erkennt, kann viel besser unterstützen.
Nicht mit Druck.
Sondern mit Verständnis.
Und mit der Haltung:
„Ich sehe dich. Ich bin da. Und wir schaffen das – Schritt für Schritt.“
Wenn du Fragen hast oder lernen möchtest, wie du Menschen im Messie-Spektrum noch besser begleiten kannst, melde dich gern. Ich bin an deiner Seite – mit Erfahrung, Herz und Respekt.